Im Blogbeitrag Gründe, eine Fremdsprache zu lernen wurde erläutert, dass Sprachkenntnisse das Reisen nicht nur einfacher, sondern auch bereichernder machen können. So berichteten wir beispielsweise vom Volunteer-Reisen, wodurch wir mit Einheimischen in Kontakt treten, in ihre Kultur eintauchen und neue Lebensformen kennenlernen können. Wie ein Freiwilligeneinsatz im Ausland konkret aussehen kann, soll nun in Form eines Erfahrungsberichts erläutert werden. Viel Freude beim Lesen!

Planung und Vorfreude

Es war kalt und nass und Winter und ich wollte einfach nur weg – in den Sommer! Gleichzeitig war es mir wichtig, in ein spanischsprachiges Land zu reisen: Ich studiere am Institut für Übersetzen und Dolmetschen, kenne die spanische Grammatik in- und auswendig, doch die mündliche Sprachpraxis fehlt mir in meinem Alltag hier in der Schweiz. Meine Wahl fiel schliesslich auf Chile. Als nächstes überlegte ich mir, wie ich einerseits möglichst kostengünstig reisen kann und, andererseits, möglichst oft zum Spanischsprechen komme. Auf der App Worldpackers fand ich dann die NGO Oveja Verde, die sich im Süden Chiles für Umweltschutz, insbesondere PET-Recycling, einsetzt. Freiwillige, die sich dazu verpflichten, eine Zeit lang für die NGO zu arbeiten, erhalten als Gegenleistung Kost und Logie. Ich war begeistert! Umweltschutz liegt mir sehr am Herzen und darüber hinaus war es schon immer mein Wunsch gewesen, mich für ein lokales Projekt zu engagieren. Ich bewarb mich, wartete die Bestätigung ab, buchte meinen Flug und konnte es kaum erwarten, bis es endlich losging…!

Die NGO Oveja Verde in Victoria, Chile

Die NGO Oveja Verde befindet sich im Süden Chiles, in einer kleinen Stadt namens Victoria, in deren Nähe atemberaubende Nationalparks, Wälder und Seen liegen. Das Haus, in dem wir leben und arbeiten, ist ein einziges Kunstwerk: Mosaike und Wandmalereien wohin das Auge reicht!

Wir sind 11 Freiwillige: 6 Chileninnen, 1 Mexikanerin, 1 Brasilianer, 1 Belgier, 1 Inder und ich, die Schweizerin. Einige von uns bleiben über Monate hinweg, andere nur für ein paar Wochen in der Oveja Verde. Neben uns wohnen nur noch eine Hündin und zwei Katzen im Haus, doch immer wieder kommen Freunde und ehemalige Freiwillige vorbei, essen mit uns, packen mit an oder nehmen uns auf Ausflüge in die Natur mit. Die NGO regt die Bevölkerung Victorias dazu an, PET-Flaschen zu recyclen und generell ein umweltbewusstes Leben zu führen. Die gesammelten PET-Flaschen werden kategorisiert, verkleinert und letztlich von einem Laster abgeholt, der sie in die Hauptstadt, nach Santiago de Chile, bringt, wo sie beispielsweise zu Bechern oder Tellern weiterverarbeitet werden. Darüber hinaus fällt auch haufenweise Arbeit am Haus der Umweltorganisation an: Wände streichen, Räume herausputzen, Werkzeuge reparieren, Gartenarbeit, kochen und vieles mehr. Mittwochs und samstags haben wir einen Stand auf dem lokalen Markt, wo wir unter anderem Secondhand-Bücher, Pflanzen, Gläser aus recycelten Glasflaschen und selbsthergestelltes Bio-Waschmittel verkaufen. Unter der Woche finden im Haus der NGO diverse Workshops statt, die natürlich unter der lokalen Bevölkerung beworben werden müssen: Hula-Hoop für Kinder, Meditation und Yoga für Erwachsene, Konzerte, Vorträge, … In der Oveja Verde wird alles geteilt, niemand wird zu etwas gezwungen. Bestimmt ist das Leben in einer Kommune nicht für jeden und jede etwas, doch ich persönlich habe es in Chile lieben gelernt!

Mein Tagesablauf

Ich bin jeweils die erste, die gegen acht Uhr morgens aufsteht und die Tiere füttert. Zwischen neun und zehn Uhr morgens gesellt sich dann der Brasilianer zu mir, der seit drei Jahren in der Oveja Verde lebt und somit das Zepter in der Hand hält. Auf Portuñol, einer Mischung aus Spanisch und Portugiesisch, erklärt er mir, was es heute zu tun gibt und womit ich starten soll. An einigen Tagen zerstampften und sortierten wir PET-Flaschen und entfernen und sammeln ihre Deckel. An anderen Tagen streichen wir die Wände neu, sortieren die Bibliothek aus oder verkaufen unsere Ware auf dem Markt. Täglich ist jemand anders für das Putzen, Kochen, Abwaschen und Pflanzengiessen zuständig. Eine weitere Aufgabe besteht darin, vormittags bei Supermärkten vorbeizugehen und nach Früchten und Gemüse zu fragen: Lebensmittel, welche nicht mehr verkauft werden können und eigentlich auf dem Abfallhaufen landen würden, werden uns geschenkt und wir nutzen unsere Kreativität dafür, ein kunterbuntes, nachhaltiges und leckeres Mittagessen daraus herbeizuzaubern. Nachmittags finden oft die bereits erwähnten Workshops statt oder wir gehen im nahegelegenen Fluss baden, machen Lagerfeuer, … Allein bin ich praktisch nie. Von morgens bis abends bin ich im Austausch mit all diesen inspirierenden, offenen und liebenswürdigen Menschen, die am Leben in der Schweiz genauso interessiert zu sein scheinen, wie ich an der südamerikanischen Kultur.

 

Fazit

Ich verbrachte eine wundervolle und sehr lehrreiche Zeit in der NGO Oveja Verde, die ich niemals vergessen werde. Meine Spanischkenntnisse konnte ich täglich anwenden, ja, gegen Ende träumte ich sogar auf Spanisch, und mit Freiwilligen, deren Spanisch noch nicht so gut war, konnte ich zusätzlich mein Englisch trainieren. Durch meine Zeit in der Oveja Verde lernte ich viel mehr über Chile, die Menschen und ihre Kultur, als ich mir je hätte erträumen können. Ich arbeitete und lebte 24/7 mit der einheimischen Bevölkerung auf engem Raum zusammen und lernte sogar Mapuche-Frauen, also Frauen eines indigenen Volkes, kennen, die manchmal in der NGO vorbeikamen. Ich konnte mein Wissen zu einem nachhaltigen Leben um Vieles erweitern und ich versuche, gewisse Dinge auch in meinen Alltag in der Schweiz zu integrieren. Die Menschen in der Oveja Verde schloss ich sofort ins Herz und besuchte spontan mit einigen von ihnen Nationalparks und mit einer reiste ich nach meinem Aufenthalt in Victoria noch weiter in den Süden. Auch heute noch bin ich in Kontakt mit einigen Frauen, die ich während meines Freiwilligeneinsatzes kennengelernt habe. Mittels WhatsApp-Nachrichten und sehr langen Sprachnachrichten halten wir uns auf dem Laufenden und ich wende gleichzeitig mein Spanisch an und verlerne den chilenischen Akzent nicht, den ich mir definitiv im Austausch mit der einheimischen Bevölkerung angeeignet habe. Nostalgisch und mit wunderschönen Erinnerungen im Herzen blicke ich auf diese Zeit zurück und hoffe, dass ich irgendwann an diesen tollen Ort zurückkehren kann. Gleichzeitig bin ich mir sicher, dass mein nächster Freiwilligeneinsatz schon bald irgendwo auf mich wartet. Vielleicht diesmal in einem englischsprachigen Land?

 

von Nelly Müller – Sprachen Akademie